Wir wollen zurück zur Natur

Wir wollen zurück zur Natur

Seit dem 1. Januar 2023 darf sich die Rebhalde Bioweingut nennen. Wir haben die Umstellung mit allen Hochs und Tiefs geschafft. Aber was bedeutet dieses ominöse Wort «Umstellung» überhaupt und was beinhaltet biologischer Weinbau in der Praxis?
Die letzten beiden Jahre waren ereignisreich und speziell. In den nächsten Zeilen versuchen wir, diese Zeit etwas aufzuarbeiten und auch ein wenig in unseren Erinnerungen zu schwelgen. Wir starten diese Zeitreise nicht bei den Pflanzen, nicht beim Boden, sondern bei uns – bei der Familie Hohl, die das Bioweingut Rebhalde in der vierten Generation bewirtschaftet. Denn der Grundstein jeder Umstellung ist der Mensch, das gesamte Umfeld, einfach alle, die uns Jahr für Jahr unterstützen. Und unsere Überzeugung ist klar und durchaus von globaler Relevanz: Wir wollen zurückfinden, zurück zur Natur. Wir wollen die Natur wieder mit beiden Augen sehen, sie riechen und fühlen. Kurzum: Wir wollen unsere Sinne für die Natur wieder stärken.
Dass die Rebe für ein Weingut einen sehr hohen Stellenwert hat, liegt auf der Hand. Also haben wir versucht, uns in die Natur, in die Rebe hineinzuversetzen. Was braucht die Natur? Was nicht? Wie reagiert sie auf Stresssituationen? Wie können wir die Natur entlasten? Wie können wir möglichst umweltfreundlich, ressourcenschonend und trotzdem effizient handeln? Und genau da beginnt unserer Ansicht nach der biologische Weinbau: Er ist ökologisch, vorausschauend, flexibel, präventiv und effektiv.

Ganz ohne Herbizide und Insektizide
Verwendet ein Bioweingut eigentlich Spritzmittel? Eine Frage, die uns immer und immer wieder gestellt wird. Die Antwort lautet: Ja, aber… Und genau deshalb möchten wir dieses Thema mit der dringend nötigen Transparenz behandeln und erläutern, was in unseren Pflanzenschutzmitteln enthalten ist. Die schweizerische Bioweinverordnung enthält klare Vorgaben, die wir seit Beginn der Umstellung im Jahr 2020 strikte einhalten. Wir haben uns per Definition dazu verpflichtet, auf jegliche Herbizide sowie die meisten Insektizide zu verzichten. Das Bioweingut Rebhalde geht allerdings einen Schritt weiter: Wir verzichten nicht nur auf Herbizide, sondern auch gänzlich auf alle Insektizide.

Zur Erklärung:
Herbizide sind Produkte, zu denen beispielsweise Glyphosat gehört. Produkte, die verwendet werden, um den Boden unter den Reben zu bespritzen, um so den Konkurrenzwuchs der Reben zu entfernen. Allerdings werden bei diesem Vorgang nicht nur die Pflanzen in Mitleidenschaft gezogen, sondern auch allerart Insekten. Insektizide wiederum bekämpfen Schädlinge und haben gleichzeitig negative Auswirkungen auf nützliche Insekten. 

Was bleibt, sind die Fungizide, die wirksam gegen Pilze sind. Produkte dieser Kategorie bekämpfen den echten sowie den falschen Mehltau – die beiden grössten Herausforderungen des Weinbaus. 

Wir setzen auf biologische Fungizide
Fungizide sind chemische oder biologische Wirkstoffe. Auf biologischer Basis handelt es sich um Produkte, die nicht in die Pflanze eindringen, sondern an der Blattoberfläche wirken. Damit sind sie durch Regen schneller abwaschbar. Kupfer und Schwefel gehören zu diesen Fungiziden. Das Thema Kupfer ist allerdings umstritten, da es ein Schwermetall ist. Alternative Produkte gibt es derzeit leider nur begrenzt. Zudem sind diese – im Gegensatz zu Kupfer – sehr schnell vom Regen abgewaschen. Schwefel hingegen, lässt sich ersetzen. Unser Schwefelersatz heisst Backpulver. Dank dieser Zutat können wir den Schwefelanteil um fast die Hälfte reduzieren.
Im biologischen Weinbau gibt es weitere Richtlinien. Was den Einsatz von Kupfer betrifft, sind die Regeln klar: Erlaubt sind 4 Kilo Reinkupfer pro Hektar und Jahr. Konkret heisst das, dass über fünf Jahre gerechnet eine maximale Menge von 20 Kilo erlaubt sind. Unser Ziel ist es jedoch, jährlich möglichst wenig Kupfer zu verwenden, also nur die Menge, die unsere Pflanzen jeweils wirklich brauchen.
Neben Kupfer, Schwefel und Backpulver kommen bei uns auch noch andere Produkte zum Einsatz. Wirkstoffe auf pflanzlicher Basis haben beim Bioweingut Rebhalde einen sehr hohen Stellenwert. Zu diesen Produkten zählen nebst Pflanzenstärkungsmittel auch Schachtelhalm und Pinienöl. Ausserdem setzen wir auf weitere Schutzbrühen komplett pflanzlicher Natur. Seit einigen Jahren sammeln wir in unseren Rebbergen Pflanzen wie Schafgarbe, Brennnesseln, Johanniskraut, Lavendel und Löwenzahn. Daneben arbeiten wir mit Efeu, Kamille, Weide sowie Baldrian. Diese Pflanzen trocknen wir und setzen sie ebenfalls als Grundlage für eine Art Pflanzenschutzbrühe ein.
 
Die «Rebhaldenmischung» macht den Unterschied
Biologischer Weinbau bedeutet nicht nur Pflanzenschutz. Zum generellen Schutz und zur Förderung von Flora und Fauna haben wir bereits vor Jahren die Köpfe zusammengestreckt und eine Saatmischung zusammengestellt, die wir jeden Herbst nach der Traubenernte einsäen. Die «Rebhaldenmischung» besteht zu einer Hälfte aus Getreide, zur anderen Hälfte aus fünfzehn verschiedenen Blumen und Kräutern, die im Frühling und Sommer blühen. Diese dienen als Nahrungsquellen und Unterschlupf für Insekten sowie andere Tiere. Der Effekt ist offensichtlich: Eine Vielzahl an Bienen, Schmetterlinge und andere Insekten tummeln sich Jahr für Jahr darin, was sich wiederum auf die Ernte auswirkt. Neben dieser Einsaat haben wir auch verschiedene Holzhaufen als Unterschlupf für Igel, Mäuse oder Wiesel angelegt. Dazu kommen Steinhaufen, die als Rückzugsort oder als Sonnenbank für Reptilien dienen. Weitere ähnliche Projekte sind in Planung.

Der Wein als Naturprodukt
Gibt es im Weinausbau ebenfalls Vorschriften? Ja, die gibt es. Allerdings gehen wir von uns aus viel weiter. Seit dem Jahrgang 2020 verzichten wir vollständig auf die Zugabe von Reinzuchthefe. Damit wollen wir dem Wein seine Natürlichkeit zurückgeben. Weiter verzichten wir auf Chaptalisierung zur künstlichen Erhöhung des Alkoholgehalts, An- und Entsäuerungen sowie auf Schönungen. Unser Ziel ist es, den Wein wieder als Naturprodukt zu positionieren. Seit dem Jahr 2021 sind zudem alle Rotweine und drei Weissweine vom Bioweingut Rebhalde unfiltriert und mit minimalen Schwefelgaben abgefüllt. Diesen Entscheid haben wir aus tiefer Überzeugung gefällt. Jeder Filtrationseingriff nimmt neben Trübstoffen auch Aromen aus dem Wein und bricht so die Harmonie des Weingefüges – und genau diese Harmonie wollen wir erhalten.
Unser oberstes Ziel ist es, den Kreislauf der Natur zu erhalten und zu stärken. Alles, was wir nehmen, geben wir der Natur wieder zurück. Nur, wenn wir Sorge tragen zu Pflanzen, Tieren und Böden, werden die nächsten Generationen die Chance haben, unsere Tradition weiterzuführen – im Einklang mit der Natur.